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Die VORDENKER der Erlebnispädagogik


La Nature“ – „In die Wälder Nordamerikas“

JEAN-JACQUES ROUSSEAU (1712-1778) hat mit seinem sinngemäßen Ausspruch „zurück zur Natur“ die Tore für die Erlebnispädagogik geöffnet. Wie in der Einleitung erwähnt, gilt das geschriebene Wort hier nichts, sondern nur das tatsächlich Erfahrene; sprich das am eigenen Leib und Seele erlebte. In dem „Standardwerk“ der Pädagogik, „Émile“ setzte ROUSSEAU Akzente, die gegen den damaligen Zeitgeist gerichtet schienen. Restriktive Erziehungsmethoden lehnte er ab und plädierte dafür, die Kinder »nicht zu kleinen Erwachsenen zu erziehen, sondern das Kind Kind sein« zu lassen (JDAV-Zum Thema 1/1995, S. 9). Wörtlich hat er es so nicht gesagt. Überliefert ist, laut der Übersetzung ins Deutsche:

Alles, was aus den Händen des Schöpfers kommt, ist gut; alles entartet unter den Händen des Menschen. Er zwingt einen Boden, die Erzeugnisse eines anderen zu züchten, einen Baum, die Früchte eines anderen zu tragen. Er vermischt und verwirrt Klima, Elemente und Jahreszeiten. ... Nichts will er so, wie es die Natur gemacht hat, nicht einmal den Menschen. Er muß ihn seiner Methode anpassen und umbiegen wie einen Baum in seinem Garten (ROUSSEAU, 1975, S. 107).

Über ROUSSEAU wird auch nachteiliges berichtet. Er sei ein „Lebemann“ gewesen, zog durch die Kneipen, Kabaretts und Casinos. Ein „Versager“ bei den eigenen Kindern. Vielleicht ein Geniesser, der seine Sehnsucht nach Freiheit, Geborgenheit, dem Vaterland und besonders nach dem natürlichen Leben suchte. Wenn man seine Kindheit verfolgt, wundert einen dies nicht. Seine Mutter starb schon bald nach seinerGeburt, sein Vater kümmerte sich kaum um ihn. Mit 16 Jahren verlässt er Genf, seineHeimatstadt, um die Weite der Welt zu suchen. (HECKMAIR 1998, S. 4). Vielleicht warer immer auf der Suche, wie ein „Verlassener“?

Es erschienen von ihm „Meisterwerke“. 1762 veröffentlichte er den „Contract social“ (Der Gesellschaftsvertrag), eine Staats- und Gesellschaftsphilosophie in der ROUSSEAU einen NEUEN Menschen voraussetzte. „Émile“, ein weiteres Standardwerk der Pädagogik, in welcher er voller Akribie einen funktionierenden Menschen zu schaffen versuchte, erschien im selben Jahr (EBD., S. 5).

Doch wie soll die Erziehung aussehen? ROUSSEAU trifft es in „Émile“ sehr passend: »Menschen, seid menschlich, das ist eure vornehmste Aufgabe«, so überschreibt REBLE dies mit »Natürliche Erziehung« (REBLE 1999, S. 179 aus ROUSSEAU 1975). Doch möchte ich näher auf die Erziehungsarten von ROUSSEAU eingehen. Denn dort treffen wir die Ansätze, wie wir sie in der Erlebnispädagogik kennen, wieder.

Diese Erziehung kommt uns von der Natur oder den Menschen oder den Dingen (EBD., S. 177).

ROUSSEAU erklärt, was er mit „Natur- Mensch- bzw. Ding- Erziehung“ meint. So kommt die Erziehung der Natur aus einer inneren Entwicklung heraus. Einer „natürlichen“ Fähigkeit entsprechend, die in jedem Menschen steckt. So soll Émile sein Wissen möglichst durch eigene Erfahrungen erwerben. Er erforscht seine Umwelt und damit die Natur, aus welcher er lernt. ROUSSEAU geht davon aus, dass der Mensch dem Drang nach Bewegung nachkommen möchte (HECKMAIR 1998, S. 6). ROUSSEAU sagt treffend: »Erst durch Bewegung lernen wir, dass es Dinge gibt, die nicht wir sind. Durch unsere eigene Bewegung gelangen wir zum Begriff der Ausdehnung« (ROUSSEAU 1975, S. 41). Wenn ich heute diese Worte zu fassen versuchen, fällt mir nur die Umschreibung „Learning by Doing” ein. Damit ist ein trefflicher pädagogischer Ansatz entstanden; der des schülerzentrierten Unterrichts. Hierzu ein Appell an die Lehrer:

Und denkt daran, dass ihr in allen Fächern mehr durch Handlungen als durch Worte belehren müßt. Denn Kinder vergessen leicht was sie gesagt haben und was man ihnen gesagt hat, aber nicht, was sie getan haben und was man ihnen tat« (ROUSSEAU 1975, S. 80).

Dies hört sich schon sehr nach Reformpädagogik an, wie sie JOHN DEWEY niederschrieb (siehe hierzu die Reformpädagogik in Abschnitt B 2). Das hieße wiederum, ROUSSEAU war seiner Zeit voraus, was nicht verwundert, da er eher ein Querdenker war. Jedoch sind auch Gefahren in ROUSSEAUS Aussagen vorhanden:

Der Knabe soll die natürlichen Folgen seiner Handlung am eigenen Leib erfahren. Wenn er die Fensterscheibe zerbricht, so mag der kalte Wind Tag und Nacht hereinblasen und das Kind sich eine Erkältung holen, »denn es ist besser, dass es verschnupft, als närrisch wird« (HECKMAIR 1998, S. 6 aus ROUSSEAU 1975).

Welch ein „barbarischer“ Mensch muss dieser ROUSSEAU gewesen sein! Und doch steckt viel Wahrheit in seinen Denkansätzen. Nun ist die Natur aber nicht alleine da, um das Kind zu erziehen. Die Menschen, respektive die Lehrer, üben ebenso Einfluß auf die Erziehung des Kindes aus. Doch ROUSSEAU meinte damit nicht, wie man Wissen erwirbt oder das Gedächtnis trainiert. Er sprach aus, dass noch mehr zum menschlichen Wesen gehört. »Erfahrung durch die Sinne und den Körper, Sensibilität für inneres Empfinden, Gewahr werden der Gefühle« (EBD., S. 7). Erst derjenige, der in diesem Leben Glück und Leid am ehesten ertragen kann, kommt dem Erziehungsziel ROUSSEAUS am nächsten. Dabei geht es eben nicht darum, wer am meisten Wissen erwirbt, sondern, wer in seinem Leben am meisten erlebt. Dies gilt es heute wieder zu entdecken, denn derjenige der die meiste Lebenserfahrung „erfährt“ bzw. erlebt hat, hat daraus, wie schon das Wort sagt, sein Wissen gewonnen, es erfahren. Vielleicht liegt auch darin die Risikobereitschaft in der heutigen Gesellschaft begründet. Wir erleben heute nicht mehr, sondern bekommen vorgelebt und werden zum Teil mit Informationen zugeschüttet. Der Bergautor REINHARD KARL hat dies, wenn auch speziell bezogen auf das Bergsteigen, vortrefflich formuliert:

Mit dem Glück ist es so wie mit dem Abstieg. Leicht und schnell ist man wieder unten, vergessen. ...egal, welchen Berg man besteigt. Die Wahrheit ist so kompliziert, dass sie niemand versteht. Eigentlich ist der Berg nur ein nominelles Ziel. Was zählt, sind die Stunden, die Minuten, Sekunden, wie man sie verbringt (KARL 1982, Einband).

Würde ROUSSEAU dies lesen können, würde er sich sicherlich in seinen Ausführungen bestätigt und verstanden fühlen. Das Tätig werden in der freien Natur, sich bewegen und den Körper erfahren, die Umwelt mit den eigenen Sinnen hören, sehen, fühlen etc. und dort seine Erfahrungen sammeln, um diese anschließend im Gedächtnis abzulegen, ist ganz im Sinne von ROUSSEAU . Nicht das Wissen aus Büchern zählt, sondern das Wissen aus der erlebten Erfahrung »Erlebnis und Unmittelbarkeit tragen als die zwei wichtigsten Säulen die Erziehungsautopie ROUSSEAUS« bei (HECKMAIR 1998, S. 8). Daraus die Erkenntnis für die Erlebnispädagogik und speziell für das Bergsteigen bzw. Klettern:

Man muß sich mit der Gefahr selbst vertraut machen, um zu lernen, sie nicht mehr zu fürchten (ROUSSEAU 1975, S.119).

Wer also nicht durch Eingriffe und Bevormundung in seinem Leben zurückgehalten wird, sondern sich frei entwickeln kann, handelt freier und besser. Und wer frei und gut handelt ist ein guter und besserer Mensch. So die einfache Schlußfolgerung aus der Theorie ROUSSEAUS. Nun, wie schon angedeutet, war ROUSSEAU nicht gerade ein Musterbeispiel für seine Philosophie. Er selbst hat nie praktisch gewirkt oder gehandelt; war also kein Erlebnispädagoge. Bezogen auf seine Kinder war er kein guter Vater. Um seinen„Tagträumereien“ nachgehen zu können, steckte er sie ins Kinderheim. Während ROUSSEAU „nur“ theoretisch gehandelt hat, war DAVID HENRY THOREAU(1817-1862) aufgebrochen und handelte; ja, er „flüchtete“ in den Wald und ging fern ab jeglicher menschlicher Ansiedlung „fischen“. Ein Traum für einen Naturbewunderer. Einsam am See errichtete er seine Blockhütte und musste mit dem, was die Natur hergab, auskommen. Erreichbar nur mit einem Wasserfahrzeug. Das hört sich nach Urlaubspädagogik an. Doch THOREAU verkörpert mit seinem „Tun“ mehr als Romantik und Urlaub. Schon die Dramatik, dass er am amerikanischen Unabhängigkeitstag aufbricht, um an den Walden-See nahe Concord zu reisen, lässt erahnen, welche Grundgedanken in seinem Handeln stecken. Die Einsamkeit und die Einfachheit sollen gelebt werden - „und nicht immer nur davon reden“. THOREAU fasst dies in seinem „Walden-Experiment“ zusammen, welches als ein psychologisches Experiment, mit einem ökonomischen Hintergedanken zu sehen ist. Eine komplexe und radikale Zurückführung im Widerspruch zu den Wurzeln des „American way of Live“. So sucht er nach der endgültigen Freiheit, in den von der Natur gegebenen Rahmenbedingungen und reduziert den „Alltag“ auf die notwendigsten Lebensbedürfnisse (H ECKMAIR 1998, S. 10). Welch unerlaubter Anspruch des Menschen doch besteht, sich alles erlauben zu dürfen auf dieser Erde. Wo wir doch nur ein Staubkorn im Universum sind. Kein Wunder, dass THOREAU damit auch Ziehvater der Ökologiebewegung geworden ist:

Schließlich ist Walden auch ein ökonomisches Experiment. THOREAU will beweisen, dass durch Reduktion von unnötigen Bedürfnissen, mit wenig Geld eine einfache und solide Lebensgrundlage aufgebaut und erhalten werden kann (EBD., S. 10).

Dieser „Rückzug in die Natur“ ist von THOREAU nach zwei Jahren beendet worden. Rückzug muss hier im engeren Sinne betrachtet werden. Dieses Experiment war auch ein Art Selbstheilung, aufgrund sein r persönlichen und familiären „Einbrüche“. Vor seinem Aufbruch starb sein Bruder, worauf THOREAU in eine Depression verfiel. Außerdem verlor er seine Stelle als Tutor, nachdem er sich weigerte an Schülern die Prügelstrafe anzuwenden. Nun war sein Handeln ebenso aufrührerisch, wie das eines ROUSSEAUS. THOREAU lehnte sich ebenso gegen die damalige Gesellschaftsordnung auf (EBD., S. 11). So kann man spekulieren, ob es eine „Rück-Flucht“ oder ein „Rückzug“ oder eine „Hinkehr“ zur Natur war. Seine Erfahrungen hat er als Tagebuchaufzeichnungen in seinem Walden-Experiment niedergeschrieben und damit seine Erkenntnisse und Erlebnisse festgehalten. Mit diesem Ausbruch aus einem bürgerlichen Leben und den Entsagungen von Komfort, Luxus und Bequemlichkeit sowie einem Verzicht auf die Mode, die Zivilisation und dem Glauben an die Technik, bewies THOREAU, dass es möglich ist zu leben und zu überleben. Die Erkenntnis daraus war: „erst ein Verzicht auf Konsum lässt wieder den Genuss von Konsum zu“.

Doch machen wir uns nichts vor, so beschreibt RICHARTZ in seinen Stichworten zu Walden: »Geschäftlich war „Walden“ ein Mißerfolg - also: Keine Illusionen lieber Leser!« (THOREAU 1979, S. 7). Auch in der Erlebnispädagogik geht man auf die Einfachheit und den Verzicht von Konsum zurück. Und, ist es nicht so? Erst durch eine Bergexpedition ohne „fünf Gänge Menü“, ohne fließendes Wasser, ohne zu duschen etc. kann eine warme Dusche, ein Essen im Restaurant wieder als „Genuss“ oder „Luxus“ erkannt werden. Wir sehen heute in der modernen Welt nicht mehr den Luxus, der uns umgibt. Wir erkennen aber auch nicht die Freuden, die wir erleben können. HECKMAIR schreibt dies vereinfacht: »Luxus ist ein Hindernis auf dem Weg zur Erkenntnis« und dazu THOREAU:

Das meiste von dem, was man unter dem Namen Luxus zusammenfaßt, und viele der sogenannten Bequemlichkeiten des Lebens sind nicht nur zu entbehren, sondern geradezu Hindernisse für den Aufstieg des Menschengeschlechts.« (THOREAU 1979, S 26).

Die Ökonomie ist das erste Kapitel in seiner „Walden“-Veröffentlichung. Darin äußert sich THOREAU zur anstrengenden Arbeit eines Bauerndaseins, welches dem Menschen weder Raum noch Muse gestatten, über sein Schicksal nachdenken zu können. So ist der auf dem Feld Arbeitende sein ganzes Leben damit beschäftigt, genügend an Ernte zu gewinnen, um überleben zu können. Wegen dieser Umstände hat er einen eingeengten Blick, dass er nicht in der Lage ist, sein Leben bestimmen zu können.

Einige von euch sind, wir wissen es alle, arm, finden es hart, zu leben, und müssen hie und da sozusagen nach Luft schnappen. Ich bezweifle nicht, dass mancher, der dies Buch liest, nicht imstande ist, all die Mittagessen, die er in Wirklichkeit schon eingenommen hat, oder die Kleider und Schuhe, die schon abgetragen sind,zu bezahlen, und dass er bis zu dieser Seite nur gekommen ist, weil er zum Lesen geborgte oder gestohlene Zeit verwendet, eine Stunde, um die er seine Gläubiger betrügt. Ich sehe es wohl - denn mein Blick ist durch die Erfahrung geschärft -, was für ein niedriges, kriechendes Leben ihr führt, immer auf der Lauer, bemüht, in Stellung und aus den Schulden herauszukommen, … (THOREAU 1979, S. 19).

Weiter beschreibt er auch die notwendigen „Lebensbedürfnisse“, schon philosophisch eingebettet in, »was der Mensch sich durch seine Bemühungen erwirbt, was von Anfang an für sein Leben so wichtig war oder es durch langen Gebrauch wurde, dass nur wenige Menschen, wenn überhaupt jemand, ..., sich ohne desselben zu behelfen« (EBD., S. 24). T HOREAU geht in seiner These soweit, dass er am Ende die Bedürfnisse auf die reine Nahrung reduziert. Klimabedingt gesteht er dem Menschen Wohnung, Kleidung und Brennmaterial zu. Doch T HOREAU war im weitesten Sinne ein Einsiedler. Keine Gemeinschaft taucht auf, kein Auskommen mit der Nachbarschaft. Sie ist eh viel zu weit weg »Mein nächster Nachbar ist eine Meile weit weg...« (EBD., S. 135). Und doch taucht in seinem Kapitel zur Einsamkeit ein „wohlgesinnter Mensch“ auf, welcher ein »Weidenzweiglein abschält, es zu einem Ring geflochten und auf meinem Tische liegengelassen« hat (EBD., S. 134). Machen wir uns auch hier nichts vor. Ein Leben in der Gemeinschaft findet nicht statt und ist auch nicht beabsichtigt. Das Experiment Walden ist ein Ergebnis für die Erkennbarkeit der Selbstheilungstheorie (HECKMAIR 1998, S. 16). Für die Erlebnispädagogik ist es eine theoretische Erkenntnis zu Einfachheit und Einsamkeit. Als genauer Beobachter in der Natur und daraus resultierender Naturphilosoph, steigt THOREAU zum Poet ja zum Prophet auf. »Seine Entdeckung zum Urvater der Erlebnispädagogik steht noch aus« (EBD., S. 11).

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